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Anekdoten aus dem "Revolutionsmuseum"
29.04.10
Linksparteidebatte, Bayern, TopNews
Von Michael Wendl
Zum zweiten Mal überrascht mich Dagmar Henn, dass sie eine Bestätigung meiner Kritik mit einer Replik verwechselt. Ich hatte an ihren Thesen kritisiert, dass sie mit dem theoretischen Rückgriff auf "Ikonen" der Arbeiterbewegung versucht, den gegenwärtigen, finanzmarktgetriebenen Kapitalismus zu erklären. Sie unterstreicht die Berechtigung dieser Kritik, weil sie es "schlicht" sagt: Wir sind zu den "alten Spielregeln" vor 1917 zurückgekehrt. Der Kapitalismus zwischen 1917 und 1989 war eine "Ausnahmesituation". Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus des sowjetischen Typs sind wir wieder mit dem Kapitalismus vor der Ausnahmesituation zwischen 1917 und 1989 zurückgekehrt. Diese Ausnahmesituation wird dann im Kern mit der Existenz der Sowjetunion erklärt, die den Kapitalismus zu einer "zivilen" oder "sozialen" Variante gezwungen habe. Diese "Schlichtheit" des Denkens ist atemberaubend. Sie kann auch nicht erklären, warum es zwischen 1925 und 1945 Faschismus und Nationalsozialismus als erfolgreiche politische Massenbewegungen gegeben hat, also gerade keine "zivilgesellschaftliche" Entwicklung des kapitalistischen Systems. Mit dieser "Erklärung" einer kapitalistischen Ausnahmesituation durch die Existenz der Sowjetunion wird für die deutsche Entwicklung faktisch der Argumentation des revisionistischen Historikers Ernst Nolte gefolgt, der den Nationalsozialismus als Reaktion auf die sowjetische Entwicklungs- und Modernisierungsdiktatur zu erklären und damit zu rechtfertigen versucht hat (siehe dazu den sog. Historikerstreit in den 1980er Jahren). Ich habe dagegen zu erklären versucht, dass es gerade durch das "Eintreten" der Arbeiterbewegung in die Politik nach 1918 zu einer "institutionellen Einhegung" des Kapitalismus gekommen ist, an der nach 1945 wieder angeknüpft werden konnte und die zur Durchsetzung eines "Sozialstaatskapitalismus" geführt hat, der nach der kapitalistischen Wirtschaftskrise 1973-75 schrittweise zur Disposition gestellt worden ist, wobei die entscheidenden Veränderungen in Richtung Finanzmarktkapitalismus erst 1999 bis 2005 in Deutschland getroffen wurden. Dagmar Henn interessiert das Alles nicht. Für sie ist wichtig, dass die von Lenin gekennzeichneten "alten Spielregeln" wieder gelten. Darin hatte Lenin bereits 1917 den Kapitalismus als "sterbenden Kapitalismus" qualifiziert. Heute sind wir in dieses Stadium zurückgekehrt. Zwischen 1917 und 1989 hatte die Existenz der Sowjetunion dazu geführt, dass der Kapitalismus in seinem Endphase als "sterbender Kapitalismus" enorm revitalisiert wurde, weil sie den Kapitalismus in eine "Ausnahmesituation" zwang und er erst nach dem Untergang der Sowjetunion seiner historischen Berufung als sterbender Kapitalismus wieder gerecht wird. Der Aufbau des Sozialismus als Regenerations- und Verjüngungskur für einen alternden, dem Sterben geweihten Kapitalismus. Wäre die Revolution 1917/18 nicht passiert, wäre nach dieser Logik der Kapitalismus schon lange gestorben. Die russische Revolution hat den Kapitalismus über sein prognostiziertes Sterben hinaus am Leben erhalten und erst der Niedergang und das Verschwinden der Sowjetunion setzt den Imperialismus des frühen 20. Jahrhunderts und damit den sterbenden Kapitalismus wieder auf die Tagesordnung. Ist das "schlichtes" Denken? Schlimmer: es ist religiöses Denken. Die "Ikonen" des internationalen Kommunismus werden verehrt wie die Heiligen in der katholischen Kirche. Die Antikapitalistische Linke in der LINKEN denkt und handelt wie fundamentalistische religiöse Sekten. Ein Unterschied besteht: Sie verstehen sich in Deutschland anders als in den USA als politisch links und nicht rechts. Das ist ein Fortschritt.
Wendl, wohin? - 16-04-10 22:40
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