Hammaburg: Graphic Novel History zur Hansestadt Hamburg

11.01.21
KulturKultur, Hamburg, TopNews 

 

Von Hannes Sies

Der Comicband Hammaburg von Jens Natter erzählt die Gründungsgeschichte Hamburgs von 830-845 n.Chr. humorvoll kindgerecht und allgemeinbildend.

Die Story beginnt Anno 834 irgendwo im Norden des Fränkischen Reiches: „Keuch! Keuch!“, rennt ein Mönch durch den Wald, stolpert, und („Kreisch!“) blickt zu einem grausigen Wikinger auf, der seine Streitaxt schwingt. Schnitt.

„Aachen, 12 Jahre zuvor. Der fränkische Kaiser Ludwig der Fromme wird im Machtkampf mit seinen Söhnen abgesetzt. Aber nur kurze Zeit später gelingt ihm die Rückkehr auf seinen Thron...“ Kaiser Ludwig kehrt zurück an seinen Hof zu Schranzen und Priestern und ärgert sich nicht nur über die eigene Sippe, sondern über Dänen und Wikinger, die im Norden sein Reich plündern. Um sie zu bekehren, soll Hammaburg an der Elbe nordische Mission werden. „Lobet den Herrn!“ Bruder Ansgar erhält den Kaiserlichen Auftrag, nach Norden zu ziehen.

Hamburgs frühe Tage erstmals als Graphic Novel. Dem Comiczeichner Jens Natter gelingt der Spagat, den Leser erzählerisch, humorvoll und historisch stimmig in das frühmittelalterliche Hamburg zu versetzen. Ellert+Richter Verlagstext

Ansgar, der Apostel des Nordens, bringt mit einer Reliquie, dem Schädel des Heiligen Sixtus, die Hammaburger Wirtschaft in Gang, die nun mit ihrer neuerbauten Kirche von Pilgern profitiert. Er bemüht sich nicht nur um Missionierung, sondern auch um klösterliche Kunst und Kultur mit der Planung eines Skriptoriums -soweit wird die Funktion des klerikalisierten Mönchtums im Frankenreich plastisch gemacht. Dann kommen die Wikinger, deren Motive ein Exkurs nach Norden beschreibt: Ein fiktiver Nordmann Sven braucht dringend Brautgeld für seine Heirat, der Draufgänger Thorwald überredet ihn zu einem Raubzug nach Süden -nach Hammaburg, das 845 zerstört wird.

Die zeichnerische Umsetzung im Schwarzweiß-Druck ist kindgerecht bis karikaturhaft, mit fantasievoller Seitenaufteilung, weitgehend unblutigen Kriegsszenen und sinnig eingearbeiteten Landkarten. Den Anspruch auf historische Genauigkeit verbürgt der Comicband durch das Vorwort von Prof. Rainer-Maria Weiss. Der Hamburger Landesarchäologe Weiss ist Direktor jenes Archäologischen Museums, das 2015 in einer Ausstellung zum Mythos Hammaburg präsentierte, was man mitten in Hamburg 2005 freilegte: Reste der Frühgeschichte der Hansestadt. Leider ist Prof.Weiss mehr darum bemüht, die Verdienste seines Direktorats hervorzuheben als uns fachkundig historische Hintergründe zu erläutern. Dies übernimmt ein Comic-Kompendium am Ende des Bandes, das fiktive von realen Personen trennt und letztere vorstellt, sowie eine hilfreiche Zeittafel von der Geburt Karls des Großen 748, über Ansgars Entsendung nach Hammaburg 834, der ersten Erwähnung der heute zweitgrößten deutschen Stadt, und deren Zerstörung durch Wikinger 845, bis zur Gründung des Bistums Hamburg-Bremen 893.

Autor Jens Natter belässt es also nicht bei einem Blitzlicht auf die Hamburger Frühgeschichte, ein Schwenk über den fränkischen Erbfolgekrieg deutet an, wie es schließlich zur Teilung in ein französisches und ein deutsches Reich kam. Auch über die Klosterkultur erfahren wir einiges -wenn auch nicht, dass Karl der Große die Regeln der Benediktiner verbindlich machte und sein Sohn Ludwig seinen Beinamen „der Fromme“ der fortgesetzten Kirchen- und Klosterreform verdankt. Doch vielleicht wäre das eine Überfrachtung und romantischer ist sicher die fiktive Lovestory um den zeichnerisch talentierte Novizen Sigibert, wohl ein Alterego des Künstlers, und die schöne wehrhafte Gerlinde.

Jens Natter: Hammaburg, Ellert+Richter Verlag, Hamburg 2020, 96 S., 16,95- Euro

 

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